Normalität in Bezug auf Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen
von Alexander Lang

Wie auf kindliche Entwicklung geblickt wird
Zur Normalität des Blickes auf frühe Kindheit, Kindheit und Jugend gehören schon immer Abweichungen von vermeintlichen Normen: Säuglinge werden „zu früh“ oder „zu spät“ geboren, trinken „zu viel“ oder „zu wenig“ Pre-Nahrung, sind „zu still“ oder „zu unruhig“ und drehen sich zu „zu früh“ oder „zu spät“ eigenständig auf die Seite, ziehen sich „zu früh“ oder „zu spät“ am Mobiliar hoch, beginnen mit dem Laufen „zu früh“ oder „zu spät“, starten „zu früh“ oder „zu spät“ das Sprechen, benutzen „zu wenig“ Wörter im zweiten Lebensjahr, zeigen „Auffälligkeiten“ in „der Entwicklung“, sind „zu häufig“ krank und „zu schwierig“ zu erziehen. In der Kindertagesstätte sind sie „zu ruhig“ oder „zu wild“, bei der Einschulung „zu unreif“ „und und und“.
Normal ist die Verschiedenheit von Entwicklungsgeschwindigkeiten in größeren Zeitfenstern
Remo Largo erklärte bereits vor Jahrzehnten die Vielfalt kindlichen Verhaltens und konterkarierte so vorherrschende Normvorstellungen;1 trotzdem halten sich Erwartungshaltungen vermeintlicher Normalität in Bezug auf das, was Kinder (und Jugendliche) wann und wie können müssen und wie sie zu sein haben, in der Erwachsenenwelt und auch im professionellen Feld der Pädagogik bis heute. Auch schulischer Unterricht versucht ja eine fiktive „Normalentwicklung“ zu bedienen, indem i. d. R. Kinder und Jugendliche des gleichen Alters im gleichen Tempo ähnliche Lernfortschritte generieren sollen und auch in der schulischen Sonderpädagogik verbreitete Diagnostik- und Förderkonzepte wie beispielsweise der ELDiB [2] tragen bis heute ein als teilweise fachlich antiquiert zu bezeichnendes Verständnis von vermeintlich aufeinander folgenden Entwicklungsstufen und
aufbauenden Sinnesentwicklungen weiter, wie es in den 60er Jahren in der Noch-nicht-Kenntnis heutiger entwicklungspsychologischer Erkenntnisse, z. B. von Ayres Entwicklungsmodell [3] mit dem Konzept der Sensorischen Integration vertreten wurde: In einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin heißt es hierzu [4]: „Das ursprüngliche Konzept der Sensorischen Integrationsstörung und der Sensorischen Integrationstherapie beruhte auf theoretischen Annahmen, die dem heutigen Verständnis der Entwicklungsneurologie und -psychologie kaum noch entsprechen: insbesondere, dass sich die Entwicklung in einer schrittweisen Abfolge vollziehe und jeder weitere Schritt auf dem vorhergehenden aufbauen müsse, dass die Sinnesmodalitäten hierarchisch geordnet seien und zunächst die sog. basalen Sinnesmodalitäten, wie z. B. die Propriozeption integriert werden müssten, um u. a. eine optimale visuelle Wahrnehmung und kognitive Fertigkeiten zu erreichen“.
Anstieg psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen nach der COVID-19-Pandemie
Es lässt sich allerdings schon feststellen, dass nach einem langen Zeitraum des Rückgangs des Auftretens psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen sich seit dem COVID-Lockdown ein Anstieg psychischen Störungen beobachten lässt; Zahlen, Fakten und Quellen hierzu finden sich im Beitrag⇒ „Psychische Störungen bei Schülerinnen und Schüler: Ist-Stand bis Herausforderungen“.
Was kann unter Normalität überhaupt verstanden werden?
Normalität leitet sich vom Wortstamm „Norm“, dem lateinischen Wort „norma“: „Maßstab“ ab. Wer normal ist, weicht nicht von der durchschnittlichen Population ab. Normalität kann wie eine Orientierungskarte verstanden werden, die über Abweichungen deskriptiv (mittels Statistik oder Durchschnittseinschätzungen) Auskunft gibt. Eine Hürde (inklusiver) Allgemeiner Pädagogik gründet auf dem Verständnis von Normalität, welches z. B. Leistungserbringung oder Entwicklungsverläufe7F [5] häufig mit einem bestimmten Lebensalter assoziiert. Bestimmte Abweichungen von dieser Norm werden üblicherweise als Störung begriffen.
Fußnoten
1) vgl. Erstauflage Babyjahre (1993): Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren.
2) ELDiB (Entwicklungspädagogischer Lernziel- Diagnosebogen aus dem Konzept ETEP), https://www.etep.org/material/
3) Ayres 1984
4) vgl. DGSPJ 2017, S. 1
5) vgl. Mishela 2019, S. 32
Literatur
⇒ zum Literaturverzeichnis des Themenschwerpunkts "Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen" mit und ohne ES
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Themenschwerpunkt "Psychische Störungen von Kindern und Jugendlichen" mit und ohne ES
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