Psychische Störungen - ein dynamisches Konstrukt
von Alexander Lang

Das Konstrukt psychische Störung unterliegt gesellschaftlichen Veränderungen, ist nicht starr und unterliegt nicht der Exaktheit, die häufig vermutet wird
Auch in der internationalen Definition psychischer Störungen - in der internationalen Klassifikation ICD 10 - wird festgehalten, dass der Begriff Störung kein exakter Begriff ist, seine Verwendung in der europäischen Klassifikation soll einen klinisch erkennbaren Komplex von Symptomen oder Verhaltensauffälligkeiten anzeigen, der immer auf der individuellen und oft auch auf der Gruppen- oder sozialen Ebene mit Belastung und mit Beeinträchtigung von Funktionen verbunden ist, sich aber nicht auf der sozialen Ebene allein darstellt. [1] Psychische Störungen in Form von Diagnosen existieren als Konzepte für Forschung, Statistik und Versorgungssysteme – als ein Muster von Symptomen – keinesfalls beschreiben sie Menschen in ihrer Gesamtheit! Was aktuell oder zukünftig als psychische Störung und was nicht mehr als psychische Störung diagnostiziert werden kann, wird in der Öffentlichkeit letztlich stark von der Deutungshoheit dieser beiden großen Diagnosesysteme bestimmt und diese Diagnosesysteme wiederum greifen gesellschaftliche Veränderungen auf – dieser sich wechselseitig beeinflussende Prozess finde oftmals in größeren Zeiträumen statt, wie die weiter unten aufgezeigten Beispiele Computer-Spielsucht (neu in ICD-11), Geschlechtsdysphorie (in ICD-11 nicht mehr als psychische Störung diagnostizierbar) zeigen.
Um medizinische oder psychotherapeutische Leistungen offiziell in Anspruch nehmen zu können, ist in Deutschland eine diagnostische Feststellung durch eine staatlich anerkannte Fachkraft für Psychiatrie oder Psychologie, bzw. Psychotherapie notwendig. Dies sind in der Regel Ärztinnen für Psychiatrie, Psychologen oder approbierte Psychotherapeutinnen und -therapeuten (teilweise) auch alles in einer Person. Ärztliche Psychotherapeutinnen können als einzige Berufsgruppe der hier aufgezählten auch Elemente von Pharmakotherapie verordnen und und/oder durchführen. Ein von diesen Fachleuten genutztes diagnostisches Instrument ist mittlerweile als Open Access Veröffentlichung verfügbar: Der Elterninterviewbogen des „Kinder-DIPS“. [2] Dort finden Sie, wie in den o. g. Leitlinien der DGKJP, strukturierte anamnestische Interviews als Teilgrundlage der psychologischen, bzw. psychiatrischen Diagnostik für Kinder und Jugendliche (nach den o. g. Diagnosesystemen ICD-10 und DSM-V).
Zur psychischen Störung „Selektiver Mutismus“ finden Sie beispielsweise Fragen, wie „Gibt es Situationen, in denen Ihr Kind gar nicht spricht, obwohl dies erwartet wird (z. B. in der Schule, wenn andere Kinder/Jugendliche dabei sind, wenn es um bestimmte Themen geht)?“, „Gab es jemals Situationen, in denen Ihr Kind gar nicht sprach, obwohl dies erwartet wurde?“, „Ist Ihr Kind sehr schüchtern (anhänglich, zieht es sich oft zurück) und möchte alleine sein?“, „Seit wann ist es so, dass Ihr Kind in den genannten Situationen nichtspricht?“ und „Dauerte das mindestens einen Monat an?“. [3] Zudem werden z. B. die Einschätzung von empfundenen Leidensdruck und ausführliche biografische Daten erhoben.
Im o. g. ICD 10 werden - aktuell noch - unter dem Schlüssel „F“ alle Diagnosen beschrieben, die dem Spektrum der psychischen Störungen zugeordnet werden. Die Kapitel F9 und folgende beschreiben explizit die psychischen Störungen, deren Beginn in Kindheit und Jugend verortet wird. Deutschland befindet sich derzeit in einer Übergangszeit bis zur Nutzung des neuen und bereits vorliegenden ICD-11 [4] (dort wird v. a. Kapitel 6 psychische Störungen darstellen). Beide erwähnten Klassifikationssysteme stehen trotz ihrer quasi weltweiten Verbreitung auch in der Kritik, da sie die Komplexität psychischer Probleme nicht adäquat abzubilden vermögen (weiter unten in diesem Buch wird noch eine recht stark vorherrschende Unklarheit in Bezug auf die Ursachen psychischer Störungen ausgeführt), die implizite Orientierung an einem medizinischen Krankheitsmodell bestünde (siehe hierzu die Ausführungen weiter oben zu Störungen als Teil von Normalität), sowie eine kategoriale Abgrenzung zu psychischer Gesundheit vorgenommen werde (eine simple Frage hierzu lautet „wer bestimmt letztlich, ab wann Gesundheit endet und Störung beginnt“). [5]
Auszüge einiger relevanter Unterschiede zwischen dem noch gebräuchlichen ICD-10 und der neuen ICD-11 und Wegfall von Psychopathologisierungen im damaligen ICD-9
Wie oben erwähnt, unterliegt die Diagnose psychischer Störungen Dynamiken und es werden mit jeder Aktualisierung der Diagnosesysteme neue Diagnosen aufgenommen und andere fallen weg. Ursachen hierfür sind neben gesellschaftlichen Veränderungen (wie z. B. mit dem Ablaufen des ICD-9 und der Einführung des ICD-10 in den 90ern der Wegfall der Pathologisierung von Homosexualität, unter Code 302.0 als „psychische Krankheit“ [6], aufgeführt) auch neue Erkenntnisse der jeweiligen Disziplinen.

Übersicht: Ausgewählte neu hinzukommende und wegfallende psychische Störungen im ICD 11 [9]
Im Folgenden werden ausgewählte diagnostizierbare (und einige zukünftig dazukommende und wegfallende) Störungsbilder mit einer gewissen Relevanz für Kindheit und Jugend übersichtlich dargestellt, um sich einen grundlegenden Überblick - neben den explizit in Kindheit und Jugend auftretenden psychischen Störungsbildern - in Zeiten beinahe unübersichtlicher Informationsflut verschaffen zu können: [7]










Übersicht: Übersicht ausgewählter ICD-10 Diagnosen psychischer Störungen
Fußnoten
[1] vgl. Resch 2024, S. 244
[2] vgl. Schneider et al. 2018, Diagnostisches Interview bei psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter.
[3] Schneider et al. 2018, S. 45/46
[4] vgl. WHO 2022
[5] vgl. Zimmermann et al. 2024, S. 2ff.
[6] Onlineversion des ICD-9 in Deutsch: https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-10-WHO/Historie/icd-9-vas.html?nn=928606, Stand 11.11.2025
[7] alle folgenden Auszüge und Zitate sind der Onlineversion des ICD-10, Kapitel V: https://klassifikationen.bfarm.de/icd-10-who/kode-suche/htmlamtl2019/chapter-v.htm, der Onlineversion des ICD-11 https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html, Stand: 11.11.2025, vgl. Dilling et al. 2015, S. 69-396 (ICD-10) und vgl. Hölzel und Berger 2024, S. 51-451 entnommen.
[8] vgl. Tebartz van Elst 2023, S. 138/148 und vgl. S. 164ff. und vgl. Lang 2024, S. 98
[9] vgl. Walter et al. 2024, S. 169
Literaturverzeichnis
⇒ zum Literaturverzeichnis des Themenschwerpunkts "Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen" mit und ohne ES
---
Themenschwerpunkt "Psychische Störungen von Kindern und Jugendlichen" mit und ohne ES
Dieser Text ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen. Bei Nutzung, auch von Auszügen, ist eine Autorennennung mit Quellenangabe nötig. www.dasistes.info, Alexander Lang 2026
![]()

