Abweichung als Teil der Normalität verstehen

von Alexander Lang

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Normalität leitet sich vom Wortstamm „Norm“, dem lateinischen Wort „norma“: „Maßstab“ ab. Wer normal ist, weicht nicht von der durchschnittlichen Population ab. Normalität kann wie eine Orientierungskarte verstanden werden, die über Abweichungen deskriptiv (mittels Statistik oder Durchschnittseinschätzungen) Auskunft gibt. Eine Hürde (inklusiver) Allgemeiner Pädagogik gründet auf dem Verständnis von Normalität, welches z. B. Leistungserbringung oder Entwicklungsverläufe7F [1] häufig mit einem bestimmten Lebensalter assoziiert. Bestimmte Abweichungen von dieser Norm werden üblicherweise als Störung begriffen.

Normalität in Bezug auf psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen

Der Kinder- und Jugendpsychiater Resch findet zur Thematik „Normalität“ folgende Worte: „Gerade bei Kindern und Jugendlichen erscheint es unter Entwicklungsgesichtspunkten zu kurz gegriffen, psychische Normalität nach gruppenstatistischen Gesetzen bestimmen zu wollen. Eine statistische Norm setzt die Häufigkeit eines Verhaltens und Normalität gleich (…). In der typischen Glockenkurve geht der, dem arithmetischen Mittel naheliegende, Normalbereich fließend in die abnormen Extreme über. Demgegenüber können gesellschaftlich bestimmte Idealnormen für Verhaltensweisen Wertnormen bilden und so, als von einem sozialen Kollektiv gesetzte Regeln, erwünschtes Verhalten als normal definieren. Auch solche Wertnormen sind aber nicht geeignet, einen Beitrag zu einem besseren Verständnis psychischer Störungen zu leisten. So kann Psychopathologie nicht dadurch definiert werden, dass ein Mensch moralische Regeln überschritten hat oder bestimmte soziale Erwartungen nicht erfüllt (…). Ein besser geeigneter – wenn auch schwammiger - Begriff ist die Entwicklungsförderlichkeit: So wäre in funktionellem Sinne jenes Erleben und Verhalten normal, das dem Individuum für die Zukunft möglichst große Anpassungs- und Entwicklungschancen ermöglicht. Eine solche Normdefinition ist nicht nur utilitaristisch und relativistisch, sondern auch im Einzelnen prospektiv schwer auf den Punkt zu bringen, denn was entwicklungsförderlich oder -hinderlich ist, erweist ja oft erst retrospektiv seine Gültigkeit! Wichtig zu bedenken ist auch, dass durch die Definition einer psychischen Störung als normative Abweichung ein Individuum auch von anderen, die sich selbst eine Normkonformität zuschreiben, ausgegrenzt werden kann („wer stört, ist gestört“). Wir gehen davon aus, dass psychische Störungen nicht plötzlich in das Leben eines Kindes hereinbrechen, sondern sich über unterschiedliche Vorstadien langsam entwickeln können. Betrachtet man das Eltern-Kind-Gesamtsystem finden wir nicht selten in einer Inkompatibilität des emotionalen Dialoges und familiären Spannungszuständen jene Risikobedingungen, aus denen schließlich im Entwicklungsverlauf eine durchaus individuelle pathologische Entwicklung beim Kind entstehen kann. Der Normbegriff orientiert sich also eher an der psychischen Flexibilität (…) und an einem allgemeinen Begriff des Wohlbefindens und erfolgreichen Handelns. Psychische Störungen sollten immer beide Aspekte in sich vereinen, eine Dysfunktionalität im biopsychosozialen Bedingungsraum und ein bedeutsames Leiden, das mit Beeinträchtigungen und subjektiven Beschwerden einhergeht“.[2]

Wer stellt die Diagnosen psychischer Störungen überhaupt?
Die Diagnose psychischer Störungen obliegt in Deutschland spezifischen medizinischen oder psychologischen Berufsgruppen (Ärztinnen und Ärzte bzw. Psychiaterinnen und Psychiater sowie Psychotherapeutinnen/-therapeuten) und ist nicht durch Lehrkräfte, Schulsozialarbeiterinnen/-arbeiter, Familienberatungsstellen oder durch Selbstdiagnose formal diagnostizierbar. Diese Berufsgruppen können Betroffene und deren Angehörige bei Vermutungen aber selbstverständlich kompetent beraten. Verdachts- und/oder Selbstdiagnosen sind selbstverständlich möglich, führen allerdings nicht zu geregelten (Rechts-)Ansprüchen, wie z. B. Therapiekostenabdeckung, Nachteilsausgleichen, Kinder- und Jugendhilfe- oder anderen möglichen Leistungen.

Abweichung als Teil der Normalität verstehen
Durch eine ES-Brille betrachtet, kann eine Abweichung von Normen (oder Normerwartung) allerdings ebenso als zur Normalität dazugehörend verstanden werden: Menschen bilden durch die Faktizität ihrer individuellen Vielfältigkeit des Seins immer einen Teil des Menschseins ab, auch wenn sie nicht statistisch erwarteten Durchschnittswerten oder verbreiteten Erwartungen entsprechen. [3]

Was ist laut der WHO „Gesundheit“? [4]
Für viele junge Menschen (insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf) ist eine Kindheit und Jugend, im hier beschriebenen WHO-Zustand vollständigen seelischen und sozialen Wohlbefindens unerreichbar, wie Sie in den folgenden Unterkapitel erfahren werden.11F

Für den Schülerkreis mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf in ES zeigt die PEARL-Studie nicht nur besorgniserregend erhöhte Prävalenzen in den Störungsbereichen ADHS, Störung des Sozialverhaltens, Angst, Depression, Trauma, Bindung und Beziehung12F [5] auf. Sie untersucht auch Dimensionen der individuellen Funktionsbeeinträchtigung und des Leidensdrucks, die demnach aus (sonder-)pädagogischer Sicht sehr bedeutsame Frage, wie betroffene Schülerinnen und Schüler sich im Alltag fühlen und überhaupt noch leistungsfähig und belastbar erscheinen: es zeigt sich, dass 16,2 % dieser Schülerinnen und Schüler in ihren Funktionen in einem auffälligen und 69,1 % in einem sehr auffälligen Bereich zu verorten sind13F. [6]

Lebenszeitprävalenz psychischer Störungen
Im Übrigen gibt es bereits seit vielen Jahren Klarheit über die Lebenszeitprävalenz psychischer Erkrankungen. Es kann von einer Lebenszeitprävalenz psychischer Störungen von etwa 50 % ausgegangen werden - bei konservativer Einschätzung14F. [7] Aus der ES-Perspektive lässt sich also zugespitzt formulieren, dass es überhaupt nicht so normal ist, in einem Elternhaus ohne psychische Störungen, frei von Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit aufzuwachsen!

Fußnoten
[1] vgl. Mishela 2019, S. 32
[2] vgl. 2024, S. 245
[3] vgl. Lang 2024, S. 8/9
[4] WHO 2020, S. 1
[5] vgl. Hennemann et al. 2020, S. 51
[6] vgl. ebd. 2020, S. 51
[7] vgl. Hengartner 2017, S. 1-4

Literatur
⇒ zum Literaturverzeichnis des Themenschwerpunkts "Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen" mit und ohne ES

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Themenschwerpunkt "Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen" mit und ohne ES

Mit freundlicher Genehmigung von Ulrike Selders: Diese Illustration darf nicht ohne Zustimmung verwendet werden!

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